Giessener Anzeiger

 

Die Zwillinge Giuseppe und Michele De Filippis: Tanz ist unsere Religion

 

 

 

GIESSEN - Man könnte es als göttliche Fügung bezeichnen, schließlich waren es Nonnen, die Michele und Giuseppe De Filippis einst im kleinen italienischen Städtchen Sandonaci den Weg für ihre internationale Karriere als Balletttänzer ebneten, quasi ihren Segen gaben. Und somit auch die streng katholischen Eltern der Zwillingsbrüder überzeugten. Diese hätten ihre damals 17-jährigen Jungs gerne an der juristischen Fakultät im nahegelegenen Lecce gesehen. Doch schweren Herzens ließen sie sie nach Mantua an die Libera Universita Danza e Teatro ziehen. "Unsere Mutter hatte vor Aufregung 40 Grad Fieber", erinnert sich Michele lachend, schließlich lag die Akademie für Ballett und Tanz in Norditalien, 900 Kilometer entfernt. Heute ist die Entfernung doppelt so groß, denn die Zwillinge haben sich nach Stationen in Rom, Darmstadt und Heidelberg, Gastspielen in ganz Europa und Übersee in Gießen niedergelassen. Seit 2016 sind die Brüder als Lehrer und Leiter der von ihnen gegründeten Schule für Ballett und Modern Dance in Dutenhofen bekannt. Mitte März stellten sie sich dem heimischen Publikum mit ihrem Stück Pietre (Steine) als Tänzer und Choreografen vor.

 

Schon als Sechsjährige hatten sie ihr Publikum, tanzten nach, was sie in der samstäglichen Familienshow "Fantastico" gesehen hatten. "Mutter hatte immer Angst um uns, denn wir sind auch schon mal von Stühlen runter ins Spagat auf den Boden gesprungen", so Giuseppe. Heimlich haben er und sein um zehn Minuten älterer Bruder die Cousine in die Ballettstunde begleitet. 'Wollt ihr auch?', hat die Lehrerin gefragt und sofort das Talent der Gemelli erkannt. Ohne Kostenbeitrag ließ sie die jungen Zwillinge mittanzen und die Eltern staunten nicht schlecht, als bei einer Aufführung ihre Jungs ebenfalls auf der Bühne waren - Pirouetten drehten, statt Tore zu schießen. Denn auch im Fußballverein hätten die Eltern ihre Kinder gerne gesehen, doch unterstützten sie dann mit Bühnenbau und Kostümnähen das etwas andere Talent ihrer Söhne. Die Hänseleien der Mitschüler verstummten schnell, nicht zuletzt weil ihnen rasch klar wurde: "Legst du dich mit einem De Filippis an, bekommst du es gleich mit zweien zu tun. Wir waren eben schon immer wie Pech und Schwefel", lachen die Italiener.

 

Als es aber nach der abgeschlossenen Bankkaufmannslehre um die weitere berufliche Zukunft ging, wurde es ernst. Die Zwillinge hatten am Strand die zufällige Bekanntschaft eines Mädchens gemacht, die von der Ballettschule in Mantua erzählte und wollten unbedingt dorthin. Dieser Wunsch kollidierte mit den Vorstellungen der Eltern und göttlicher Beistand war vonnöten. Sie einigten sich auf Folgendes: Wir tanzen den Nonnen vor und die entscheiden. Das Ergebnis: siehe oben. Allerdings erschöpfte sich die elterliche Unterstützung mit der Zustimmung, finanzieren mussten sich die Jungs das Studium selbst - mit Tellerwaschen.

 

"Nichts ist Zufall", sind die Zwillinge überzeugt, "alles steht im großen Buch". Daraus leitet sich ihre Philosophie ab, das Leben passieren - und sich darauf einzulassen. Neugierig zu sein und zu bleiben. Diese Abenteuerlust hatten sie schon als Fünfjährige im Blut als sie splitterfasernackt, nur mit einem Besen über der Schulter, an den eine Serviette gebunden war, hinaus in die große weite Welt zogen. Die Welt war im Nachbardorf zu ende, wo sie aufgegriffen und wieder nach Hause gebracht wurden. Anders verlief der Aufbruch nach Deutschland.

 

Bekleidet, jeder einen Koffer in der Hand und zwei Worte Deutsch im Gepäck setzten sie ihre Lebensreise nach der Ausbildung in Rom am Centro Internazionale Danza und in verschiedenen Tanzcompagnien fort in Richtung Essen, an die renommierte Folkwanghochschule von Pina Bausch. Diese gastierte mit ihrem Stück "Palermo, Palermo" in Bari, just in der Zeit, als die Zwillinge, 21 Jahre alt, ihren Wehrdienst in Salerno leisteten. "Wir hatten Tränen in den Augen, so fasziniert waren wir", so die Zwillinge quasi aus einem Munde. Zurück in Rom verfassten sie eine Bewerbung, wurden zum Vortanzen geladen und erhielten unter 600 Bewerbern einen Platz. Das war 1992.

 

Acht Semester später hielten die Brüder ihr Diplom in Händen und hatten bereits vor ihrer Abschlussprüfung ein Engagement bei Helena Waldmann sicher. Die Choreografin, Regisseurin und Produzentin, die von 1982 bis 1987 in Gießen bei Andrzej Wirth und Hans-Thies Lehmann Angewandte Theaterwissenschaften studierte, entdeckte die Italiener bei einer Aufführung in Frankfurt - schrieb mit ihnen und für sie das Stück "Vodka Konkav". Damit ging es auf Tournee nach Südamerika, Polen und Österreich.

 

29 Jahre waren Michele und Giuseppe De Filippis alt, als sie Brigitta Trommler, Leiterin der Sparte Tanz am Staatstheater Darmstadt, nach Südhessen holte. "Sie ist ein Genie und war wie eine Mutter zu uns", schwärmen sie noch heute. Und, was wohl für den Verlauf ihrer Karriere noch wichtiger war: "Sie hat uns Flügel gegeben", wie es Giuseppe fast philosophisch formuliert. Von Beginn an hat die heute in New York lebende, gebürtige Münchnerin an die beiden Italiener geglaubt, ihnen Freiraum gegeben: "Wir waren die ersten Tänzer, die im großen Haus mit 1200 Plätzen ein eigenes Stück aufführen durften", sind die Brüder heute noch stolz. "A Null" lautet der Titel der ersten Eigenproduktion und beschäftigt sich mit dem Thema Klonen. Zehn Jahre blieben sie an dieser Wirkungsstätte - selbst nach einem Intendantenwechsel - entwickelten ihre eigene Sprache und erarbeiteten sich ein treues Publikum. Noch heute bestehen enge Kontakte, auch zum Ensemble.

 

Seit dem Jahr 2000 arbeiten die heute 48-Jährigen als freiberufliche Choreografen und Tänzer, schöpfen aus einem breiten Ideen-Spektrum ganz nach Pina Bausch: "Alltägliches auf der Bühne ist Kunst". Aber auch Themen aus der griechischen Mythologie (Ikarus), der Hightech-Entwicklung (Blickwinkel), der Literatur (Dorians Spell) oder einfach nur Träume (Traumreise) finden tänzerische Umsetzung. Und nicht nur das: Inszenierung samt Licht und Ton, die Auswahl der Musik, das Schneidern der Kostüme liegt in ihren vier Händen. Da kommen die - natürlich gemeinsam ausgeübten - Hobbys wie Malen, Nähen und Goldschmieden zu pass.

 

Nach einem Engagement am Stadttheater Heidelberg trennten sich - räumlich - die Wege der Zwillinge: Giuseppe zog 2007 nach Gießen, der Liebe wegen. Der berufliche Lebensmittelpunkt blieb weiterhin Darmstadt, es folgten eigene Aufführungen unter anderem auch im Moller-Haus. "Das Kulturamt hat uns immer unterstützt", blicken die Gemelli De Filippis dankbar zurück. Auch die von Michele in Darmstadt eröffnete Ballettschule hatte sich etabliert. Aber wie es mit Zwillingen, insbesondere eineiigen Gemelli nun einmal so ist: Man kann sie nicht lange trennen. Da halfen selbst drei, vier Telefonate am Tag nicht und so zog auch Michele 2015 nach Gießen. Gemeinsam stemmten sie dann das Projekt "Balletto" und können nun ihre über 30-jährige Erfahrung weitergeben. "Wir lieben unsere Schüler, wir lieben es, Lehrer zu sein und Talente zu entdecken, so wie wir damals entdeckt wurden. Da schließt sich der Kreis", so die beiden.

 

Doch so ganz schließt sich der Kreis wohl nie, denn die Zwillinge sind immer in Bewegung, immer "am drehen", müssen selbst auf die Bühne: "Sonst sind wir unerträglich".

 

Auch wissbegierig sind sie weiterhin. So nahmen sie 2014 an einem Workshop mit Tänzer-Legende Carolyn Carlson in Rom teil. Und "im dicken Buch" stand geschrieben, dass dort Enrico Ripari auf sie aufmerksam wurde. Der italienische Starfotograf - er hat unter anderem Fellinis Nichte Francesca Fabbri Fellini porträtiert - machte gleich am nächsten Tag ein Shooting mit den Zwillingen - zwei Stunden bevor deren Flieger zurück nach Deutschland ging. Im Ergebnis folgte eine Einladung nach Rom, denn Ripari hatte in den Zwillingen die Figuren für seine Fotoserie "Romulus und Remus" gefunden. "An allen historischen Stätten in Rom haben wir getanzt und gepost. Es war super, aber auch super anstrengend", so Michele.

 

Nicht auf der Bühne, nicht auf Fotos, aber im Kino sind sie demnächst zu sehen, in dem Film "Guarda in alto" (engl. OT: Look up, dtsch: Schau nach oben) des renommierten italienischen Regisseurs Fulvio Risuleo, der sogar für die Festspiele in Cannes nominiert ist. Ein weiteres Kapitel aus dem "dicken Buch", denn an Zufälle wollen die Zwillinge nicht glauben: "Unser Glaube, unsere Religion ist der Tanz". Und der beste Lebensplan ihrer Überzeugung nach, keinen Plan zu haben. So kann man sich auf die Chancen, die das Leben bietet, einlassen. Eingelassen haben sie sich dann im vergangenen Jahr auch auf das Abenteuer Film.

 

Eine E-Mail in ihrem Postfach verriet, dass Risuleo Zwillinge für ein Filmprojekt sucht. Die Suche lief weltweit im Internet, und so wurde die Agentur auch auf die Seite "twindance" der tanzenden Zwillinge aufmerksam. Ein erster Kontakt fand via Skype statt, das Vorsprechen im Garten der Gemelli im Musikerviertel, zu dem Risuleo persönlich nach Gießen kam. Und sie bekamen die Rolle in dem Film, in dem es um Menschen geht, die über den Dächern von Rom in einer eigenen Gemeinschaft nach eigenen Regeln leben. "Es hat einfach gepasst, wir konnten uns quasi selbst spielen", so Michele. Die Professionalität wie Authentizität, die sie bei den Dreharbeiten an den Tag legten, brachte ihnen viele Komplimente von den Schauspiel-Profis wie Giacomo Ferrara und Aurélia Poirier ein. "Es war ein Traum", schwärmen die beiden und träumen jetzt davon, über den roten Teppich zu schreiten und Pedro Almodóvar zu begegnen.

Ob dieser Traum wahr wird, wird sich Ende des Monats zeigen, wenn die Jury die Filmliste veröffentlicht. Doch so oder so sind Michele und Giuseppe De Filippis glücklich, rundherum glücklich. Deshalb ist Nummer zwei im kleinen Ballett-Ein-mal-Eins auch ihre Lieblingsposition: Auf die Zehenspitzen stellen, nach oben strecken, Arme weit ausbreiten - so, als würde man die ganze Welt umarmen...

Kommentar schreiben

Kommentare: 0